Kurzgeschichte: Liebe, bevor es zu spät ist

Kurzgeschichte: Liebe, bevor es zu spät ist
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Als ich an diesem Abend nach Hause kam servierte meine Frau das Abendessen. Ich hielt ihre Hand und sagte: „Ich hab dir etwas zu sagen.“ Nachdem sie mir zugehört hatte, setzte sie sich hin und aß schweigend weiter. Ich sah die Angst und den Schmerz in ihren Augen, auch wenn es ein stummer Schmerz war. Sie ahnte wohl, worum es ging. Sie kannte mich viel zu gut, als dass ich es vor ihr hätte verstecken können. Doch auf einmal wusste ich nicht, wie ich meinen Mund öffnen sollte. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos, aber ich musste sie wissen lassen, worüber ich nachdachte. Ich wollte die Scheidung. So begann ich das Thema langsam und vorsichtig anzuschneiden.
Sie schien nicht sehr erregt über meine Worte, stattdessen fragte sie mich behutsam und mit ruhiger Stimme: „Warum?“ Ich ignorierte ihre Frage und dies machte sie wütend. Sie war plötzlich außer sich, warf ihre Gabel weg und schrie mich an: „Du bist kein Mann!“

Diese Nacht sprachen wir nicht mehr miteinander. Sie weinte und ich wusste, dass sie wissen wollte, was unserer Ehe widerfahren war. Aber ich konnte ihr keine zufriedenstellende Antwort geben; Mein Herz hatte sich Leila zugewandt. Meine Frau liebte ich nun nicht mehr. Ich empfand nur noch Mitleid für sie!

Getrieben von sehr starken Schuldgefühlen verfasste ich eine großzügige Scheidungsvereinbarung, in der festgehalten war, dass sie unser Haus, unser Auto und 33% der Anteile meiner Firma bekommen wird. Sie starrte es an und zerriss es voller Abscheu in ihren Augen in Stücke.

Die Frau, die 10 Jahre ihres Lebens mit mir verbracht hatte, war nun eine Fremde. Es tat mir Leid um all die investierte Zeit, Energie und Lebenskraft, aber ich konnte nicht zurücknehmen, was ich bereits gesagt hatte, denn ich hatte mich nun so innig in Leila verliebt. Am Ende weinte meine Frau bitterlich laut vor mir, was ich auch erwartet hatte zu sehen. Für mich war ihr Weinen eine Art Erlösung. Der Gedanke der Scheidung, der mich bereits seit Wochen begleitet hatte, war für mich jetzt klarer und offizieller.

Am nächsten Tag kam ich sehr spät nach Hause und fand sie am Tisch sitzend etwas schreiben… Ich hatte kein Abendessen, aber ging trotzdem direkt ins Bett und schlief nach einem langen Tag, den ich mit Leila verbracht hatte, sehr schnell ein. Als ich wach wurde, saß sie immer noch am Tisch und schrieb. Ich kümmerte mich  nicht darum, drehte mich wieder um und schlief weiter.

Am nächsten Morgen präsentierte sie mir ihre Scheidungsbedingungen: Sie wollte nichts von mir – nicht einmal einen einzigen Euro, aber sie verlangte einen Monat voller Beachtung bevor die Scheidung vollzogen werden würde. Sie bat darum, dass wir in diesem einen Monat uns anstrengen das Leben so normal wie möglich zu leben. Ihre Gründe waren simpel: unser Sohn hatte in einem Monat seine Einschulung und sie wollte ihn nicht mit unserer zerbrochenen Ehe belasten.

Das war für mich nachvollziehbar. Aber sie wollte noch mehr… Sie bat mich darum mich zu erinnern, wie ich sie an unserem Hochzeitstag auf Händen in unser Brautzimmer trug. Sie bat mich darum, dass ich sie diesen Monat lang, jeden Tag am Morgen, sie genau so von unserem Schlafzimmer zur Haustür tragen soll. Ich dachte mir sie werde wohl allmählich verrückt. Aber dennoch akzeptierte ich ihre merkwürdige Bitte um die letzten gemeinsamen Tage erträglicher zu machen.

Ich teilte Leila die Scheidungsbedingungen meiner Frau mit… Sie lachte laut auf und meinte das wäre absurd: „Egal welche Tricks sie macht… Sie muss die Scheidung akzeptieren. Du gehörst nicht mehr ihr sondern bist nun mein Mann.“, sagte Leila verächtlich.

Meine Frau und ich hatten seit dem ich den Scheidungswunsch ausgesprochen hatte mit niemandem unserer Verwandtschaft oder unseren Freunden mehr Kontakt. Als ich sie dann den ersten Tag trug, wirkten wir beide sehr plump und es fühlte sich eigenartig an. Unser Sohn klatschte hinter uns: „Papa hält Mama in seinen Armen“, rief er freudig und voller Liebe und Begeisterung. Seine Worte lösten einen heißen Schmerz in meiner Brust aus. Wir waren seit dem er denken kann seine Eltern, ein Team, welches immer gemeinsam für ihn dar war. Vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer, dann zur Haustür, ich trug sie über 10 Meter auf meinen Armen. Sie schloss ihre Augen und sagte sanft: „Sag unserem Sohn nichts über unsere Scheidung.“ Ich nickte und fühlte mich etwas traurig. Ich setzte sie draußen vor der Tür ab und Sie ging, um auf den Bus zur Arbeit zu warten. Ich fuhr allein zur Arbeit.

Am zweiten Tag fiel es uns etwas leichter. Sie lehnte sich an meine Schulter und ich konnte den Duft ihrer Bluse riechen. Ich realisierte, dass ich diese Frau seit einer langen Zeit nicht mehr genau angeschaut habe. Ich realisierte, dass sie nicht mehr die Jüngste war. Da waren kleine Falten in ihrem Gesicht und ihr Haar ergraute langsam! Unsere Ehe hatte an ihr Zeichen hinterlassen und für eine Minute wunderte ich mich, was ich ihr angetan hatte.

Am vierten Tag, als ich sie hochhob, fühlte ich einen Hauch von Intimität und Nähe zurückkehren: Dies war die Frau, die mir 10 Jahre ihres Lebens geschenkt hatte!

Am fünften und sechsten Tag, realisierte ich, dass das warme Gefühl der Intimität und Nähe weiter zwischen mir und meiner Frau wuchs, aber ich sagte Leila nichts davon. Meine Frau zu tragen wurde im Laufe des Monats immer leichter. Vielleicht lag es daran, dass die tägliche Widerholung wie ein Training wirkte, welches mich stärker machte.

Eines Morgens suchte sie ihre Kleidung aus dem Schrank heraus. Sie probierte viele Teile an, aber fand kein passendes. Dann seufzte sie: „Alle meine Kleider sind mir zu groß geworden!“ In diesem Moment wurde mir erst bewusst, richtig bewusst, wie sehr sie abgenommen hatte und wie dürr sie geworden war in diesen Tagen. Dies war der Grund, weshalb das Tragen immer einfacher wurde.
Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Sie hat so viel Schmerz und Bitterkeit in ihrem Herz und ihr Abnehmen ist wohl nur ein äußeres Symptom. Wenn diese krasse Veränderung äußerlich passiert, wie viel Leid trägt sie dann wohl innerlich. Unbewusst griff ich nach ihr und streichelte ihren Kopf.

Unser Sohn kam in dem Moment und sagte: „Papa, es ist Zeit Mama nach draußen zu tragen.“ Für ihn wurde es zu einem essentiellen Teil seines Lebens, seinen Vater zu sehen wie er seine Mutter nach draußen trug. Meine Frau gestikulierte meinem Sohn näher zu kommen und umarmte ihn innig… Ich drehte mein Gesicht weg, denn ich hatte Angst mich doch in letzter Minute um zu entscheiden.  Dann trug ich sie auf meinen Armen, lief vom Schlafzimmer, durch das Wohnzimmer in den Flur. Ihre Hände umarmten meinen Nacken ganz sanft und so natürlich. Ich hielt ihren Körper sehr fest; es war genau wie unser Hochzeitstag. Aber ihr viel zu leichtes Gewicht machte mich traurig.

Am letzten Tag, als ich sie in meinen Armen hielt war jeder Schritt für mich sehr schwer. Unser Sohn war schon in der Schule. Ich hielt sie fest und sagte zu meiner Frau: „Ich habe nicht bemerkt, dass unserem Leben die Intimität und Nähe fehlte. Die Wärme verschwand schleichend, ohne dass ich dies bemerkte.“ Und ich wusste nun ohne jeden Zweifel, dass ich es tun muss.

Ich fuhr zum Büro, sprang schnell aus dem Auto ohne die Tür zu schließen. Ich hatte Angst nur die kleinste Verzögerung könnte mich dazu bringen meine Entscheidung zu ändern… Ich lief hoch. Leila öffnete die Tür und ich sagte ihr gerade heraus: „Verzeih mir, Leila, ich will die Scheidung nicht mehr. Ich bleibe bei meiner Frau.“ Sie schaute mich verblüfft an, berührte meine Stirn und fragte ungläubig. „Hast du Fieber?“ Ich wischte ihre Hand von meiner Stirn und antwortete: „Verzeih mir, Leila. Ich werde mich nicht scheiden lassen. Mein Eheleben war vielleicht langweilig, weil wir vergessen hatten 1000 Kleinigkeiten in unserem Leben und zwischen uns zu schätzen und nicht weil wir uns gegenseitig nicht mehr liebten. Jetzt realisierte ich erst, dass seitdem ich sie an unserem Hochzeitstag in mein Haus getragen habe ich sie halten soll, muss und will, bis der Tod uns entzweit.“ Leila schien erst jetzt alles zu realisieren und dass dies mein voller ernst war. Sie gab mir eine schallende Ohrfeige und schlug die Tür zu, bevor sie in Tränen ausbrach. Ohne  zu zögern oder auch nur eine Sekunde an meiner Entscheidung zu zweifeln lief runter und fuhr weg.

Auf dem Weg hielt ich am Blumenladen und bestellte einen großen Blumenstrauß für meine Frau. Die Verkäuferin fragte mich, was sie in die Karte schreiben soll. Ich lächelte und schrieb: „Prinzessin, ich werde dich jeden Morgen auf Händen tragen bis der Tod uns scheidet. Danke, für alles.“

An dem Abend kam ich nach Hause mit Blumen in meinen Händen und einem Lächeln auf meinem Gesicht, ich lief hoch, nur um meine Frau im Bett vorzufinden. Was ich sah lies das Blut in meinen Adern gefrieren. Sie war Tod.

Die Moral dieser Geschichte:

Es sind die Kleinigkeiten eures Lebens, um die es wirklich in einer Beziehung geht.  Es geht darum das Positive zu schätzen und die kleinen Fehler des Partners zu akzeptieren. Es ist nicht das Haus, das Auto, der Besitz oder das Geld auf der Bank, was wirklich zählt. Es ist auch nicht das Aussehen oder die Aufregung. Was wirklich zählt, ist das gemeinsam Erlebte, die Liebe, die Treue, der Zusammenhalt, die Kinder und die Familie. Materielles kann ein Nährboden sein für Freude und Glück, jedoch sind sie selbst nicht die Ursache von Freude und Glück im Leben oder gar gleichbedeutend damit. Deshalb finde Zeit für deinen Ehepartner und tue die kleinen Dinge, die eure Liebe weiter aufbauen und nähren. Habt eine glückliche Ehe! Diese entsteht nicht von alleine, sondern bedarf ständiger Arbeit. Möge Allah, der majestätische, euch helfen!

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